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Foto Pascale Link

11.04.2007

Aus dem Abseits, hinein ins Leben

AMVA-Präsidentin Pascale Link über Probleme, Projekte und den Novabus

In der „Lëtzebuerger Blannevereenegung“ rumort es seit längerem. Überdurchschnittlich viele Mitglieder haben in letzter Zeit dem Vorstand der „Association des aveugles et malvoyants du Luxembourg“ den Rücken gekehrt.


Elf Personen darf das Führungsgremium der „Blannevereenegung“ laut Statuten umfassen, darunter vier kooptierte „Sehende“ sowie sieben gewählte Blinde bzw. Sehbehinderte. Auf der Generalversammlung am 31. März in Berschbach traten von Letzteren nicht weniger als vier zurück – weil sie kein Vertrauen mehr in Präsident Roger Hoffmann und keine Hoffnung mehr auf die Verwirklichung ihrer Pläne hatten.
Die vier aufmüpfigen Mitglieder heißen Pascale Link, Colette Schmitz-Pleimling, Romain Frederes und Claude Millang und zählen jetzt zu den treibenden Kräften einer neuen Blindenvereinigung. Ende März gründeten sie die AMVA. Das Kürzel steht sowohl für die Bezeichnung „Association pour malvoyants et aveugles“ als auch für die Aufforderung „Aidez-moi à voir autrement“.
Mit AMVA-Präsidentin Pascale Link sprachen wir über die Vorgeschichte, die zur Gründung der neuen Blindenvereinigung führte, und über die hohen Ziele, die sich ihr Verein gesteckt hat.

Frau Link, wenn über die Hälfte der gewählten Mitglieder eines Vorstandes mit einem Schlag demissionieren, dann spricht das nicht gerade für eine gute Stimmung innerhalb der Vereinigung. Warum zogen Sie sich zusammen mit drei Gleichgesinnten aus der Führung der „Lëtzebuerger Blannevereenegung“ zurück?

Wir mussten einsehen, dass wir mit unseren Ideen nicht weiterkamen. Entweder verstand man sie nicht oder man wollte sie nicht verstehen. Irgendwann kam dann der Punkt, an dem wir einen anderen Weg suchen mussten, um etwas zu bewegen. Und da wir die Lebensbedingungen vieler Blinder, Sehbehinderter, aber auch anderer Behinderter in Luxemburg verbessern wollen, haben wir uns für den Austritt und einen Neuanfang entschieden. Wir sind übrigens nicht die Ersten, die der Blindenvereinigung den Rücken gekehrt haben. Vor uns sind schon viele andere gegangen, die einen freiwillig, die anderen nicht ...

Kritiker werfen der „Blannevereenegung“ vor, viele Schlüsselpositionen seien mit Leuten aus dem Familien- oder Freundeskreis des Präsidenten besetzt. Stimmt das?

Herr Hoffmann weiß es zu arrangieren, stets die Mehrheit hinter sich zu haben. Das führt dann aber dazu, dass bei Fragen die Antworten bzw. Entscheidungen gleich mit präsentiert werden. Auch der Informationsfluss innerhalb des Vorstandes ließ zu wünschen übrig. Zählte man nicht zu den Vertrauten, wurde man regelmäßig vor vollendete Tatsachen gesetzt.

Das klingt nicht sehr demokratisch. Oder haben Sie nur ein Problem mit der starken Persönlichkeit des Präsidenten?

Herr Hoffmann ist Präsident der Blindenvereinigung und Direktor des Blindenheims. Ich empfinde das als schwierig, denn auch wenn im Blindenheim alles gut zu laufen scheint, so bin ich doch der Auffassung, dass die Vereinigung mehr für die Blinden und Sehbehinderten hätte tun müssen, die nicht im Heim wohnen.

Was meinen Sie konkret?

Wir wollen etwas unternehmen, um die Betroffenen aus der Isolation zu befreien. Viele kommen nämlich mit ihrem Handikap oder dem erlittenen Schicksalsschlag nicht richtig klar. Die Jungen fangen an zu trinken oder Drogen zu nehmen, die Älteren langweilen sich zu Hause und sehnen sich nach einem Arbeitsplatz. Viele von ihnen brauchen Hilfe, trauen sich aber nicht, es offen zuzugeben.

Was gedenken Sie zu tun?

Wir wollen einen Taxi-Rufbus initiieren. Der soll Blinde, Sehbehinderte, aber auch andere Behinderte – etwa Rollstuhlfahrer – wieder aktiver am Leben teilnehmen lassen. Aus eigener Erfahrung weiß ich nur zu gut, wie grausam Einsamkeit sein kann. Ich war elf, als ich erblindete. In Harlingen hat man dann nicht mehr all zu viele Möglichkeiten, wenn man etwas unternehmen will. Dabei ist es wichtig, dass man am Leben teilnimmt. Auch als Behinderter!

Wie soll dieser Rufbus funktionieren?

Wir haben ihn Novabus getauft. Von dem Abholservice sollen so viele Behinderte wie möglich profitieren können, damit sie den Prozess der „Reintegration“ erfolgreich meistern. Auch Behinderte sollen die Möglichkeit haben, ein Konzert zu besuchen, ins Kino oder Theater zu gehen, sich einer Tanzgruppe anzuschließen oder an Sprachkursen teilzunehmen.

Novabus soll den Behinderten also zu ein bisschen mehr Autonomie verhelfen?

Ja, damit sie nicht ständig auf einen Begleiter angewiesen sind und auch mal auf eigene Faust einkaufen oder ausgehen können. Gleichzeitig wollen wir eine Sensibilisierungskampagne starten, etwa um die Restaurantbesitzer darauf aufmerksam zu machen, dass sie die Fahrgäste des Novabus an den Tisch führen oder ihnen die Menükarte vorlesen sollen. Mehr dazu auf einer Pressekonferenz in etwa drei Wochen ...

In der Blindenvereinigung fand diese Initiative kein Gehör?

Leider nein. Und wenn auf der Generalversammlung gesagt wird, man dürfe die Einzelinteressen nicht über das Wohl der Allgemeinheit stellen, dann halte ich das für eine Fehleinschätzung. Ein Rufbus ist kein Luxus, sondern ermöglicht nur ein Stückchen Normalität. Im Ausland sind solche Dienste bereits gang und gäbe.

Vielleicht hatten Blindenvereinigung oder Blindenheim nicht genug Geld, um das Projekt zu unterstützen?

Deren Konten sind nach meinem Wissensstand gut gefüllt. Meines Erachtens fehlte der Wille, etwas für die Blinden und Sehbehinderten zu tun, die auf dem Land leben und nicht im Heim wohnen.

Wie sehen Sie die Zukunft der AMVA neben den bereits bestehenden Vereinigungen im Blindenwesen?

Ich glaube schon, dass wir eine Daseinsberechtigung haben. Vielleicht sollte sich die „Blannevereenegung“ in erster Linie ums „Blannenheem“ kümmern, während wir die Blinden außerhalb der Einrichtung betreuen. Denn hier muss etwas geschehen. Das ist übrigens im Interesse eines jeden Einzelnen von uns: Blindheit kann jeden treffen!


 

Interview: Luc Martelling